Mit einer Begrüßung auf Deutsch hatte ich bei diesem Termin auf der Paris Motor Show nicht gerechnet. Und noch weniger damit, dass mein chinesischer Interviewpartner unsere Sprache nahezu fließend spricht.
Clifford Kang lächelt und erzählt von seinen insgesamt zwölf Jahren bei BMW. Zwei davon verbrachte er in München, wo er auch die deutsche Sprache gelernt hat.
Heute sitzt Kang im Vorstand des chinesischen Autokonzerns Seres und hat eine ambitionierte Mission: Mit der jungen Luxusmarke Aito will er ausgerechnet in dem Markt Fuß fassen, den deutsche Hersteller wie Audi, BMW und Mercedes seit Jahrzehnten dominieren. Dabei wirkt Kang deutlich nahbarer als viele Vertreter chinesischer Automarken. Stattdessen spricht er offen über die Herausforderungen, die Aito in Europa erwarten.
Messestand Aito auf dem Pariser Autosalon
Aktuell noch kein Auto auf dem europäischen Markt, aber bereits einen der größten Messestände auf der Paris Motor Show 2026.
Bild: Aito

Eine junge Marke mit großen Ambitionen

Erst im Dezember 2021 wurde Aito gegründet und entstand aus der Zusammenarbeit von Seres mit dem chinesischen Technologieriesen Huawei. Nach eigenen Angaben knackte Aito in China innerhalb von nur 46 Monaten die Marke von einer Million ausgelieferter Fahrzeuge. Inzwischen spricht das Unternehmen von mehr als 1,2 Millionen Fahrern.
Jetzt soll Europa folgen. Auf der Paris Motor Show zeigten die Chinesen gleich vier SUV-Modelle: Aito 6, 7, 8 und 9. Im Herbst 2027 soll der Marktstart stattfinden. Welche Modelle zuerst kommen, in welchen Ländern sie starten und was sie kosten werden, ist noch offen.
Und gerade hier wird es spannend. Denn was in China funktioniert, darf in Europa noch lange nicht auf die Straße. Aito arbeitet bereits an der europäischen Typgenehmigung und der Anpassung der Fahrzeuge an hiesige Straßenverhältnisse und Vorschriften. Gerade bei den hoch entwickelten Assistenzsystemen setzt die europäische Gesetzgebung engere Grenzen als die chinesische. Auch fünf Sterne beim Euro-NCAP-Crashtest sind das erklärte Ziel. "Sicherheit ist der größte Luxus", sagt Kang.
Lena Trautermann im Gespräch mit Clifford Kang.
Lena Trautermann im Gespräch mit Clifford Kang.
Bild: Aito
Dass nicht alle chinesischen Hightech-Funktionen unverändert nach Europa kommen können, ist ihm bewusst. Auch beim automatisierten Fahren hängen die Möglichkeiten von den europäischen Regeln ab. Deshalb will er den Marktstart nicht überstürzen. "Wir haben nur eine Chance. Wir dürfen sie nicht vermasseln."

Wie Aito in Europa überzeugen will

Aber eine Sache ist klar: Wer in Europa viel Geld für ein Auto ausgibt, kauft aktuell vor allem auch Tradition und Prestige. Mercedes steht seit Generationen für Luxus, BMW für sportliche Fahrfreude. Und Aito? Die Marke ist jünger als manches Smartphone.
Aito 9
Der Aito 9 ist das Flaggschiff der Marke.
Bild: Aito
Kang macht sich darüber keine Illusionen. Gerade europäische Luxuskunden seien ihren Marken besonders treu. "Das braucht Zeit. Wir müssen geduldig sein." Trotzdem ist er überzeugt, dass Aito etwas bieten kann, das die etablierten Hersteller bislang vernachlässigt haben: "Intelligente Autos waren nicht luxuriös. Und Luxusautos waren nicht intelligent."
Und genau diese beiden Welten will Aito zusammenbringen. Kang formuliert den Anspruch ziemlich selbstbewusst: "Wir sind nicht einfach eine weitere chinesische Marke. Wir sind eine Luxusmarke von Weltrang, wie sie europäische Kunden bisher noch nicht erlebt haben."

Wenn das Auto zum Familienmitglied wird

Für Kang ist das Auto längst mehr als ein Fortbewegungsmittel: "Ich sehe das Auto als einen mobilen intelligenten Assistenten." Oder, wie er es näher beschreibt: als eine Art "Roboter auf Rädern". Die Fahrzeuge sollen nicht nur fahren, sondern mit ihren Insassen kommunizieren. Sprachsteuerung, digitale Assistenten, intelligente Fahrfunktionen. Das Auto beantwortet Fragen, erzählt Geschichten und unterhält sogar die Kinder auf der Rückbank.
An diesem Punkt muss ich schmunzeln. Denn die Realität im Familienalltag sieht manchmal etwas anders aus. Ich erzähle ihm von meinem Sohn, der mit großer Begeisterung Sprachbefehle gibt und beispielsweise die Ambientebeleuchtung auf Blau schalten will. Am liebsten immer wieder. Kang lacht mit. Für ihn ist genau das ein Beispiel dafür, wie selbstverständlich die nächste Generation mit Autos interagieren wird.
Für Kang ist die Sprachsteuerung allerdings nur der Anfang. Die intelligenten Fahrassistenzsysteme seien ein entscheidendes Verkaufsargument. Kang weiß, dass deutsche Kunden technische Versprechen nicht einfach glauben werden. Er kenne schließlich ihre Vorliebe für Zahlen, Daten und Fakten.
In China habe Aito die Kunden vor allem dadurch überzeugen können, dass man sie die Fahrzeuge ausprobieren ließ. Als die Marke dort startete, hätten die drei großen deutschen Premiumhersteller zusammen rund drei Viertel des Marktes beherrscht, erzählt Kang. Trotzdem sei es gelungen, chinesische Käufer für die heimische Alternative zu gewinnen.
Nach einer vom Unternehmen angeführten Kundenbefragung seien dafür drei Dinge ausschlaggebend gewesen: intelligente Technik, das Markenimage und Sicherheit. Genau diesen Effekt erhofft sich Kang auch für Europa. Zunächst sollen digitale Medien die Fähigkeiten der Autos demonstrieren, doch am Ende müssten die Interessenten selbst hinter das Steuer.

Ohne guten Service kein zweites Auto

Doch bei aller Begeisterung für Technologie wird Kang ausgerechnet bei einem ziemlich analogen Thema besonders deutlich: dem Werkstattservice. Rund 20 Jahre hat er selbst im Aftersales-Geschäft gearbeitet, daher weiß er: "Wenn Sie sich nicht um den Service kümmern, können Sie vielleicht das erste Auto verkaufen. Aber kein zweites. Und niemand wird das Auto weiterempfehlen."
Deshalb plant Aito für Europa ein Servicenetz mit Ersatzteilversorgung, Mobilitätsdiensten und KI-gestützter Fahrzeugdiagnose. In welchem Land die Marke zuerst startet, hängt auch davon ab, wo Händler und Service rechtzeitig bereitstehen.

Zum Flughafen im Aito 9

Eine Sache möchte Kang am Ende unseres Gesprächs unbedingt noch loswerden: Wenn ich über Aito schreibe, müsse ich die Marke auch selbst erleben. Also organisiert sein Team kurzerhand einen Aito 9 als Shuttle zum Flughafen. Das Flaggschiff der Chinesen, das es mit einem Mercedes GLS oder Range Rover aufnehmen soll.
Lena Trautermann im Aito 9
Die Rückfahrt zum Flughafen im Aito 9 ist komfortabel. Das Auto ist allerdings für China gebaut. Wie viel die europäische Version davon übernehmen wird, ist noch nicht klar.
Bild: AUTO BILD
Beim Einsteigen wird sofort klar: Das hier ist ein Auto, das für die Mitfahrer gemacht ist. Massage, Leinwand mit Projektor, Liegefunktion, Sitzbelüftung – in der zweiten Sitzreihe gibt's das volle Programm für gestresste Manager, die zwischen Terminen abschalten wollen. Oder für mich nach einem langen Messetag.
Draußen quält sich der Pariser Verkehr Richtung Flughafen. Drinnen bekomme ich davon eher wenig mit. Die Beine ausgestreckt, den Rücken massiert – an diese Art des Reisens könnte ich mich gewöhnen.
Doch natürlich ersetzt eine Fahrt im Fond keinen echten Autotest. Wie sich der Aito 9 fährt und ob die Technik auch im Alltag überzeugt, muss sich erst zeigen. Ebenso, welche der vielen Funktionen in der europäischen Version erhalten bleiben. Doch eines steht nach der ersten Mitfahrt fest: Beim Thema Komfort muss sich Aito nicht verstecken.
Ob das reicht, um Kunden von den etablierten Premiummarken wegzulocken, ist eine andere Frage. Sie haben sich ihr Vertrauen über Jahrzehnte erarbeitet. Aito muss das erst noch schaffen. Clifford Kang weiß das. Schließlich kennt er die Konkurrenz besser als viele seiner chinesischen Kollegen. Und gerade deshalb dürfte er wissen, wie schwer es wird, BMW und Co. die Kunden abzujagen.